Donnerstag, 17. März 2016

Thema des Monats: Wenn ein Streit alles kaputt macht

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Die meisten von euch kennen Arno Backhaus wahrscheinlich oder haben zumindest schon mal von ihm und seinen "verrückten" Aktionen gehört. Er steht gerne auch mal in der Fußgängerzone mit einer dunklen Brille, einer Armbinde für Blinde und mit einem Schild auf dem steht "Ich glaube nur, was ich sehe". Nicht nur damit proviziert er, kommt mit Menschen ins Gespräch und bringt sie zum Nachdenken, sondern auch mit mit diversen T-Shirts, die es in seinem Online Shop zu kaufen gibt. Er ist Liedermacher, Autor und Aktionskünstler und bezeichnet sich selbst als "E-fun-gelist" und "Missio-Narr".

Aber auch mit unserem Thema des Monats kennt er sich aus.

Diesen Monat geht es um Streit, um Verletzungen, die Beziehungen kaputt machen, aber auch einen selbst innerlich kaputt machen können. Damit die Seele daran nicht zerbricht, ist Vergebung notwendig. Der Weg dahin ist nicht immer einfach. Das weiß auch Arno.


Es regnet in meine Seele – über Verletzungen, andere Gemeinheiten und Vergebung –

Wer kennt das nicht - Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich beobachte mich immer wieder, wie ich in der Gefahr stehe, wenn ich auf der Autobahn fahre und von einem Autofahrer geärgert oder unfair behandelt werde. Wenn einer Fehler macht, habe ich nicht so Probleme, aber wenn einer frech ist, fies, link - oh dann wird mein ganzes kreatives Potential aktiviert. Warum eigentlich? Kann ich mir nicht leisten, großzügig zu sein?
Natürlich, wenn ich den Eindruck habe, ich komme im Leben grundsätzlich zu kurz, dann muß ich kämpfen um mein Recht, um meinen Platz. Aber wie ist das mit den Christen? Könnten die nicht anders mit eigenem oder fremdem Versagen umgehen? Bei Gott kommen wir nicht zu kurz, er ist unser Anwalt. Hier eine interessante Bibelstelle zum Thema Verletzungen, Rache, Auge um Auge, Zahn um Zahn, um Vergebung. Wer wirft den ersten Stein?!

Epheser 4, 25-32
25 Belügt einander also nicht länger, sondern sagt die Wahrheit. Wir sind doch als Christen die Glieder eines Leibes, der Gemeinde Jesu.
26 Wenn ihr zornig seid, dann ladet nicht Schuld auf euch, indem ihr unversöhnlich bleibt. Lasst die Sonne nicht untergehen, ohne dass ihr einander vergeben habt.
27 Gebt dem Teufel keine Gelegenheit, Unfrieden zu stiften.
28 Wer früher von Diebstahl lebte, der soll sich jetzt eine ehrliche Arbeit suchen, damit er auch noch Notleidenden helfen kann.
29 Redet nicht schlecht voneinander. Was ihr sagt, soll für jeden gut und hilfreich sein, eine Wohltat für alle.
30 Beleidigt nicht den Heiligen Geist. Als Gott ihn euch schenkte, hat er euch sein Siegel aufgedrückt. Er ist doch euer Bürge dafür, dass der Tag der Erlösung kommt.
31 Mit Bitterkeit, Jähzorn und Wut sollt ihr nichts mehr zu tun haben. Schreit einander nicht an, redet nicht schlecht über andere, und vermeidet jede Feindseligkeit.
32 Seid vielmehr freundlich und barmherzig, und vergebt einander, so wie Gott euch durch Jesus Christus vergeben hat.


1. Womit kann ich eigentl. verletzen bzw. auch verletzt werden?
Mit Worten; mit Ratschlägen (die sind mehr Schläge als Rat, die schlagen einem dann auf die Seele, und später verschlägt’s einem die Sprache); Lachen; Vertrauensmissbrauch; mit Schweigen (Psycho-Druck); selbst mit Gedanken kann ich verletzen (bei der Geburt: Mist, ich bin schwanger!!; mit Ignoranz, wenn ich andere ausgrenze; mit Wissen & Bildung; mit Überlegenheit und Erfahrung (ich habe die Erfahrung gemacht…, bekomme du erst mal 3 Kinder.., werde du doch erst mal arbeitslos…,werde du erst mal so alt wie ich, du Schnösel, etc); mit Krankheit, Schwäche; mit übergestülpter Liebe; mit Schläge; usw.


2. Wie kann ich auf Verletzungen reagieren?
Es gibt 3 Arten auf Verletzungen, Hass, Unterdrückung und Gewalt zu reagieren:
1. Ich gewöhne mich an Gewalt und resigniere. Ich ergebe mich dem Schicksal und spiele das Spiel der Unterdrückung mit. Bei dieser Art mit Verletzungen umzugehen, gehe ich daran kaputt!
2. Ich entscheide mich mit Gewalt zu reagieren, mit Aufstand, Aggressionen und zerstörendem Hass. Auch daran gehe ich kaputt und andere noch dazu. Nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn bleiben nur Blinde und Sprachlose zurück. Warum? Weil Gewalt das zerstört, was sie erreichen will, nämlich gesichertes und geordnetes Zusammenleben. Gewalt erzeugt das, was sie zerstören will, das Böse nämlich. Gewalt ist nicht radikal genug, sie verändert nichts an der Wurzel d.h. im Herzen und im Denken des Gegners. Die Spirale der Gewalt ist keine Lösung!
3. Die einzige sinnvolle Alternative ist gewaltloser Widerstand und Vergebung. Und dabei wirst du von deinen Verletzungen geheilt, und aufgebaut. Und manchmal auch andere. Wenn ich vergebe ist die Schuld nicht einfach weg, sondern ich gebe sie weiter, ich gebe sie an Gott und er wird gerecht richten.

Drei sehr unterschiedliche Wege, wie ich auf Verletzungen reagieren kann.

In Epheser 4 finden wir eine Aufzählung verschiedener Formen, wie ich mich rächen kann, wie ich zurück-schlagen kann... „Mit Lüge: Belügt euch nicht, Zorn, in dem ich Unfrieden stifte, redet nicht schlecht voneinander, Bitterkeit, Jähzorn und Wut, gehässiges Gerede oder andere Gemeinheiten.“ Das verzeih ich dir nie! Das meinen wir nicht so, sitzt aber. Weil wir verletzt sind, wollen wir den anderen auch verletzen und treffen. Wir sind zutiefst verbittert. Das Problem ist aber, dass Bitterkeit ein Gift ist, mit dem ich andere töten will, dass ich aber selber trinke. Man kann es auch noch intensiver ausdrücken: Nicht zu vergeben ist wie Rattengift trinken und darauf warten, dass die Ratte stirbt. Du willst dem A n d e r e n schaden, willst dich rächen und sagst, „dem vergebe ich nicht!“ Aber du schadest dem Anderen vielleicht gar nicht, er bekommt vielleicht deine Bitterkeit, deine Gedanken gar nicht mit. Aber d i r schadest du auf jeden Fall! Du schleppst die Verletzung dein Leben lang mit dir rum, weil du nicht bereit bist loszulassen und zu vergeben. Der Andere hat den Konflikt vielleicht längst vergessen, vielleicht ist der Täter auch schon gestorben. Diese Verletzungen und die nicht-Breitschaft zur Vergebung prägt dich ein Leben lang: Viele von uns können Narben zeigen von einem kleinen Unfall mit dem Fahrrad aus der Kindheit, aber die inneren Narben, die unsere Seele davongetragen hat, die sind oft nicht so schnell zu erkennen und zu erklären. Wir haben halt Gras drüber wachsen lassen und wissen oft gar nicht was uns negativ geprägt hat. Doch dann kommt irgendein Kamel und frisst das Gras ab und die Wunden sind freigelegt, die Erinnerungen werden wach und schnell wieder lebendig. Und diese bewussten und unbewussten Erinnerungen von damals bestimmen heute unsere Vorstellungswelt, unsere Gefühlswelt, unsere Beziehung zur Umwelt, zum Menschen, zu uns selbst und auch die Beziehung zu Gott. Verletzungen können sehr tief gehen, wenn z.B. ein 70-jähriger noch weiß, wie er als Kind geschlagen wurde. Das hat sich tief eingebrannt. Die Menschen, die uns am stärksten verletzen können, sind die Menschen, die uns nahestehen oder standen. Je mehr ich mich einem anderen öffne, d.h. mein Innerstes offenlege, umso verletzlicher werde ich. Man öffnet sich dem anderen Menschen gegenüber, mit all seinen Gefühlen, Gedanken, Ängsten und Unzulänglichkeiten - und der Andere liest in meiner Seele wie in einem Buch. Und dieses Buch kann man nicht einfach in das Bücherregal stellen!! Wie wird man damit fertig, wenn ein Anderer diese Offenheit, dieses Vertrauen missbraucht?? Man muss sich darüber klar werden, warum der andere so gehandelt hat oder spricht.
Oft resultiert die Verletzung aus dem Unvermögen des anderen genauso offen Nähe zuzulassen. Wir sind doch alle verletzte Kinder!! Oft kennen wir auch die Gründe nicht, warum mich andere verletzt haben oder ich mich verletzt fühle (der andere wollte mich vielleicht gar nicht verletzen). Ein fataler Lösungsweg mit Verletzungen umzugehen ist, sich zurückzuziehen und seine Verletzungen zu pflegen und zu hüten? Es entsteht ein Teufelskreislauf. Der Teufel nimmt seinen Kreislauf. Hat sich dein Schmerz schon mal gelindert, wenn du dich zurückgezogen hast? Viele verdrängen und verheimlichen den Schmerz, gerade bei Sex. Missbrauch. Das hat oft den Grund, dass die missbrauchte Person gar nicht mehr befreit werden will, weil ihr die Leiden, die sie kennt, sicherer erscheinen, als die Leiden, die sie noch nicht kennt. Das ging den Kindern Israel auch so, als sie lieber Sklaven beim Pharao waren, als sich von Mose befreien zu lassen.
Grundsätzlich gilt: Ein seelisch Verletzter sollte seine Verletzung niemals verbergen, sondern offen zeigen. Das kann in Form von Traurigkeit, Wut oder Aggressionen geschehen. Schreib auf, wer hat dich verletzt, wen kannst du nicht ausstehen und lieben. Schreib einen Brief und dann verbrenn ihn. Mach ein Gedicht oder ein Lied. Wenn ich den Schmerz und die Wut unterdrücke, stehe ich meinem eigenen Heilungsprozess im Weg. Empfindungen wie Wut und Aggressionen sind der Anfang der Heilung. Irgendwann, vielleicht nach einem jahrelangen Prozess, nehme ich meine Verletzung an. Ich kann auch die Anderen dafür verantwortlich machen, dass ich heute so oder so reagiere. Aber hilft das? Nehmen wir unsere Prägung an, auch die negative, und versuchen dann damit sinnvoll umzugehen? Wenn ich eine Sache nicht ändern kann, muss ich die Einstellung zu der Sache ändern. Ein Ja zu den Neins im Leben. Schauen wir den Verletzungen ins Gesicht. Nehmen wir die Wut, Aggression, den Hass über die Verletzung wahr? Oder verdrängen wir den Schmerz? Der tut ja weh. Die Wut und die Aggression über die Verletzung, ist die Kraft, das Messer der Verletzung aus uns herauszuwerfen, d e n , der uns verletzt hat aus unserem Herzen zu weisen. Wir brauchen erst eine gesunde Distanz zu dem, der uns verletzt hat, um ihm vielleicht gegenüber treten zu können. Erst dann sind wir fähig ihm in die Augen zu schauen. Aber solange er mit seiner Geschichte noch in uns steckt, wie ein Messer, erkennen wir unser Gegenüber gar nicht richtig, spüren nur die Verletzung, die Wunde kann nicht heilen, die Wunde wird sich so nicht schließen. Wenn wir den, der uns verletzt hat, aus einer gesunden Distanz heraus sehen, erkennen wir vielleicht, dass er selbst ein verletztes Kind ist, das einfach um sich geschlagen hat, weil er selbst so viel geschlagen worden ist. Er hat u n s gekränkt, weil er selber krank ist.
Nur wenn ich es lerne, nicht nur meine Wunden zu sehen, sondern mich dem anderen zuwende und seine Beweggründe erfasse, kann ich vergeben. Und Zuwendung muss nicht immer im Gespräch stattfinden, das kann auch heißen, dass ich mich gedanklich mit dem anderen befasse.


3. Codewort Vergebung
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In der Bibelstelle aus Epheser mündet letztendlich alles in der Zuspitzung: „..und vergebt euren Mitmenschen, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat.“ Die Vergebung steht am Ende des Verarbeitungsprozesses und nicht am Anfang. Vergebung ist das Schlüsselwort.
Damit knackst du den sichersten und härtesten Safe, den kompliziertesten Code. Manchmal muss ich mehrmals vergeben. Aber wie ist das mit der Vergebung, ist das so locker, geht das so einfach? Gewalt ist einfach, weil sie in uns steckt, die brauchen wir nicht einüben, sich rächen kann schon ein 3-jähriger. Alternativen zur Gewalt sind immer komplex, schwierig, erfordern Kreativität und machen Mühe. Vergebung muss ich einüben und trainieren, das kann ich nicht von mir aus: Es heißt ja auch: wir sollen Liebe ü b e n. Wir wären Mutmacher, wenn andere uns beobachten könnten, wie wir mit unserem Versagen umgehen, mit unserer Schuld und Schwäche - und mit dem Versagen und der Schuld anderer. Wenn Du dich im Ton vergriffen hast, und am nächsten Tag zu deinem Nachbarn oder Arbeitskollegen gehst, und ohne große Worte, dich bei ihm für deine Worte entschuldigst. Wir vergeben uns wirklich nichts, wenn wir andere um Vergebung bitten. Und wir vergeben uns wirklich nichts, wenn wir anderen vergeben, die an uns schuldig geworden sind. Paulus sagt „Ich will mich um so mehr meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi in mir Wohnung nehme.


4. Warum sollen wir überhaupt vergeben ? 
Weil wir uns selbst schaden, wenn wir es nicht tun. Wenn wir uns weigern, machen wir uns zum Sklaven der Vergangenheit und erlauben, dass unsere Gegenwart und Zukunft von unseren Verletzungen aus der Vergangenheit weiter geprägt wird. Noch heute hat der Täter Macht über das Opfer, wenn das Opfer dem Täter nicht vergibt. Wir halten gerne an unserem Schmerz fest. Und ermöglichen ihm "Zinsen" zu bringen. Es wird schlimmer statt besser. Es kommt uns ungerecht vor jemanden zu vergeben, bevor er seine Schuld bezahlt. „Was hab ich denn gemacht? Soweit kommt’s noch, dass ich dem vergebe“. Wir merken nicht, dass wir uns mit so einer Haltung selbst schaden. Der andere soll wenigstens ein schlechtes Gewissen haben und ein bisschen mitleiden. Wir erwarten, dass der andere durch unsere Vergebung sich verändert. Aber bei der Vergebung geht es zuerst um m e i n e Befreiung und um m e i n e Veränderung. Wir suchen gerne nach Rache und Genugtuung, nach Gerechtigkeit. Bei der Vergebung geht es aber um Heilung und inneren Frieden. Vergebung heißt nicht vergessen, sondern mit dem Schmerz anders umzugehen. Wir können von den Wunden der Vergangenheit geheilt werden, auch wenn sie noch sichtbar sind. Und wir verlängern unser Leid, wenn wir nicht vergeben. Martin Luther hat mal gesagt „Ich kann nicht verhindern, dass ein Vogel auf meinem Kopf landet, aber dass er dort ein Nest baut.“ Ich kann nicht verhindern, dass ich verletzt werde, aber ich kann verhindern, meinen Schmerz und meine Verletzungen zu pflegen. Vielleicht kennt ihr ja den Spruch von Hildegard v. Bingen „Die Aufgabe des Menschen ist es, Wunden in Perlen zu verwandeln.“ Ich kann Wunden nur in Perlen verwandeln, wenn ich ein „ja“ finde zu meinen Wunden, zu meiner Wut, zu meiner Verzweiflung. Wenn ich mich mit meinen Wunden versöhnen will, komme ich nicht drum rum die Wut und den Schmerz denen gegenüber zuzulassen, die mich verletzt haben. Und nicht mit jedem, dem ich vergebe, muss ich mich wieder versöhnen! Was ist der Unterschied zwischen vergeben und versöhnen? Vergebung ist eine persönliche Entscheidung der Person, der Unrecht getan wurde. Sie hängt weder von der Bitte um Vergebung ab, noch von irgendeiner anderen Reaktion des Schuldigen. Versöhnung aber ist ein gegenseitiger Prozess, an dem beide sich beteiligen. Versöhnung heißt, dass die alte Beziehung wieder hergestellt wird. Meiner Mutter habe ich vergeben, ich habe mich nicht mir versöhnt. Zu meiner Mutter hatte ich nie eine warmherzige vertrauensvolle Beziehung, die durch die Versöhnung wieder hätte hergestellt werden können. Ich brauche Menschen, die mich ermutigen, die mich trösten und auch ermahnen, wenn ich aus schlechtem Gewissen heraus zu schnell vergebe oder aber auch wenn ich die Vergebung auf die lange Bank schiebe. Ich brauche Seelsorger, oder auch eine Therapie.

Ich fasse zusammen:
* Ich kann auf die unterschiedlichste Art verletzt werden
* Ich muss den Verletzungen ins Auge sehen.
* Ich sollte meine Wut, Enttäuschung, Verzweiflung zulassen
* Ich tue mir einen Gefallen wenn ich vergebe, nicht dem Täter.
* Die Tat ist durch die Vergebung nicht einfach weg, sondern bei Gott, er hat den größeren Durchblick, er wird gerecht Recht sprechen.
* Vergebung und im besten Falle die Versöhnung stehen am Ende eines Heilungsprozesses.

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